"Hellbeere breche"

Schaut nur mal her: um diese leckeren kleinen Dinger geht es in der nächsten Geschichte, oder besser gesagt: in den nächsten Erzählungen. Es sind: Heidelbeeren, in der Pfalz werden sie "Hellbeere" genannt.

Die Heidelbeeren wachsen in unseren Wäldern ziemlich häufig. Wenn ihr mal mit Euren Eltern auf die Kalmit fahrt oder auf den Totenkopf, da findet ihr sie überall.

Früher waren die Heidelbeeren ganz wichtig für die Bewohner am Haardtrand und natürlich auch für die Familien in Maikammer oder Sankt Martin.

Die Heidelbeeren garantierten für die armen Familien eine zusätzliche Einnahmequelle, denn sie konnten gut verkauft werden. Außerdem wurden die Heidelbeeren in Gläser eingekocht, zu Marmelade bereitet oder, was man heute gar nicht mehr kennt: in Zucker und Essig eingelegt. Und welches Kind freute sich nicht auf den leckeren "Hellbeerkuchen", einen Hefekuchen mit Heildelbeeren belegt, der beim Essen schwarzblaue Münder hinterließ.

Doch wichtiger als all das war eben der Verkauf der Heidelbeeren, für die man ja nur Arbeit investieren mußte und die somit fast umsonst waren.

In Sankt Martin gab es eine Annahmestelle des Obstgroßmarktes in Meckenheim. Dort konnte man nicht nur Äpfel, Birnen oder Kirschen anliefern, sondern auch in der Heidelbeerzeit die Heidelbeeren.

Denkt nur: in manchen Jahren, wie zum Beispiel 1951 wurden 13.000 Kilogramm Heidelbeeren dort angeliefert. Man kann sich die Menge gar nicht so richtig vorstellen. Das ist soviel wie ungefähr 1600 Putzeimer voll. Wahnsinn, oder?

Das Bild der Heidelbeerkinder wurde uns freundlicherweise vom Heimatmuseum Sankt Martin zur Verfügung gestellt.

So, wie auf dem Bild zu sehen ist, gingen früher die Leute in den Wald um "Hellbeere zu brechen", also Heidelbeeren zu pflücken. Meist waren es Kinder und Frauen, die diese Arbeit verrichten mußten. Um den Bauch hatten sie das "Schoppenblech" oder einen "Essensträger" umgebunden. Da hinein wurden die Heidelbeeren gepflückt, bevor man sie in eine Milchkanne oder einen Korb leerte. Damit war man schneller beim Pflücken und man mußte den Korb nicht ständig hinter sich herschleppen.

Das Hellbeerbreche machte blaue Finger und krumme Rücken. Manchmal rutschte man auf dem Waldboden auf den Knien von Heidelbeerstrauch zu Heidelbeerstrauch, was allerdings nicht gerne gesehen wurde, denn das machte Löcher in die Strumpfhosen oder in die Hosen der Buben.

Es war eine mühevolle Arbeit und bis man ein Schoppenblech voll mit Heidelbeeren hatte, dauerte das schon eine Weile.

Aber jedes Schoppenblech voll Heidelbeeren gab 12 Pfennige Lohn. Das war schon viel damals und manch eine hat sich damit ihre Hochzeitsschuhe oder etwas anderes kaufen können.

Für die Kinder gab es damals sogar Heidelbeerferien, die genau in die Zeit fielen, wenn die Heidelbeeren reif waren. Das ist etwa vom 25 Juni ab die Zeit. Vorher durfte man nicht in den Wald und wehe, wenn einer dabei erwischt wurde.

Meine Uroma hatte viele Geschichten zu erzählen, wenns um das Thema Heidelbeeren ging. Ich lass sie jetzt einfach mal erzählen:

"Als ich ein Kind war, da mußten wir im Sommer immer mit zum Hellbeere breche. Das war Pflicht und jede ärmere Familie besserte sich dadurch den Verdienst ein wenig auf.

Für uns Kinder gab es "Hellbeerferie", das war angeordnet und meistens begannen die Ferien Ende Juni, wenn die Heidelbeeren reif wurden. Aber mit Ausschlafen in den Ferien war nichts drin! Morgens um vier Uhr hieß es Aufstehen. Wenn die Ziegen gemolken und mit den anderen Tieren gefüttert worden waren, wenn jeder seinen Kaffee und sein Gutselbrot gegessen hatte, ging es zum Abmarsch in den Wald. Meine Mutter und meine Schwester hatten meist einen Korb auf dem Kopf, wir Kinder trugen unsere Körblein oder die Milchkannen in den Händen.

Auf dem Bild war meine Uroma 6 oder 7 Jahre alt, da mußte sie schon mit in den Wald!

Der Weg war lang. Über die Neugasse verließen wir das Dorf und  über den Waldweg erreichten wir das Tälchen und den Wald. Dann gings an der Pumpstation vorbei, bis wir irgendwann an der "Kupp" waren (Parkplatz Breitenberg). Dort haben wir meistens Hellbeere gebrochen. Oft waren wir auch am "Zick-zack" und am Gaul oberhalb der Zwei Brücken, die es zu meiner Kindheit aber nocht nicht gab. Wenn es weiter in den Sommer ging, waren wir auch schon mal am Totenkopf.  Bis wir da oben waren, war meist schon  mehr als eine Stunde vorbei und es war gegen sechs Uhr schon richtig hell.

Dann ging es los: jedes Kind bekam ein Schoppenblech und dann hieß es: Pflücken!!!

Ich setzte mich oft in die Heidelbeeren und pflückte um mich herum die Stöcke ab, dann rutschte ich weiter. Am Anfang dauerte es lange, bis man einen Schoppen voll hatte, aber mit der Zeit wurde man immer schneller. Wenn der Schoppen voll war, kam sein Inhalt in die Milchkanne oder in den Korb.

Das ist ein typisches Schoppenblech, das sich die Kinder und Frauen um den Bauch banden. Es faßt genau einen Schoppen, das sind

500 Mililiter oder eben ein halber Liter.

es gab die Schoppenbleche aus Aluminium wie hier oder aus emailliertem Blech

Früher war der Waldboden viel feuchter als heute und bis die Sonne richtig hoch stand, quälten einen die Mücken. Wenn die Sonne dann hoch stand, so ab 9 Uhr, schwitzte man und bekam Durst. Viel zu Trinken hatten wir nie dabei, auch nicht viel zu Essen. Zudem mußte man, wenn man einen guten Heidelbeerplatz gefunden hatte, ruhig sein, damit die anderen Heidelbeerpflücker diesen einem nicht streitig machten.

Bis Mittag haben wir die Hellbeere gebrochen. Dann ging es über das Wolsel runter nach Sankt Martin. Was war das für uns Kinder eine Freude, als wir zu der Wolselquelle kamen! Das frische Wasser, in beiden Händen aufgefangen und getrunken ließ alle Qualen vergessen. Erfrischt ging es dann nach Maade um dort die Heidelbeeren zu verkaufen. Für einen Schoppen bekam man 12 Pfennige. Wer besonders schöne hatte, auch mehr. Manche haben grüne Heidelbeeren unten in den Korb gelegt und die blauen, reifen obenauf um den Ankäufer zu täuschen. Manchmal hat das geklappt, aber später waren die Ankäufer vorsichtig geworden.

Auf der Rückkehr von der Heidelbeerernte. Mit freundlicher Genehmigung vom Heimatmuseum Sankt Martin

In einem Jahr, kann ich mich erinnern, gab es ganz wenige Heidelbeeren. Eine Frau im Dorf hatte aber immer sehr große und schöne Heidelbeeren beim Obstmarkt abgeliefert, Wir nannten sie die "Hellbeerhex". Sie hatte immer einen Tragkorb auf, eine "Rickkeitz".

Wir waren gerade am Hellbeerbreche, als wir in einiger Entfernung die Hellbeerhex vorbeigehen sahen. Wir folgten ihr, in gehörigem Abstand, um ihr dahin zu folgen, wo es die großen Heidelbeeren gab. Sie hatte es gemerkt und versuchte uns, in die Irre zu führen, aber irgendwann mußte ja auch sie ihre Heidelbeeren pflücken und so führte sie uns an einen ihrer geheimen Orte. Am Enggleß-Weiher, mitten im Wald fanden sich die schönsten Heidelbeeren! Die Ästchen hingen vor lauter dicken Heidelbeeren tief herab. Ich muß nicht sagen, daß wir an diesem Tag die beste Heidelbeerernte des Jahres hatten!

Früher war es für die Kinder Pflicht, auch die konfessionelle Samstagsschule zu besuchen. Wenn Hellbeerzeit war, kam es in armen Familien aber vor, wenn das Wetter gut war, daß auch samstags in den Wald gegangen wurde um Heidelbeeren zu brechen.

Einmal hatte ich die Samstagsschule nicht besucht, weil ich mit meiner Mutter in den Wald mußte. Als ich Montags dann in die Schule kam, wurde ich deswegen von eine Schulschwester zur Rede gestellt. Ich hatte nur unsere Armut als Entschuldigung, was die Schwester aber nicht irritierte: sie drosch mir mit dem Rohrstock die Finger blau nd blutig, damit ich keine Heidelbeeren mehr pflücken konnte.

In den 70er Jahren starb diese Schwester und man ersuchte um Spenden für die Beerdigung. Ich habe dieser Frau das nie verziehen, daß sie mir die Hände blutig geschlagen hat und habe nichts gegeben. Ich konnte ja nichts dafür: wir waren arm und auf das Geld angewiesen. Was hätte ich da mit meinen Neun Jahren  ändern können????

Heidelbeerpflücker im Wald. Eine ganz große Truppe!