Die Geschichte vom Brunnen und dem Kuchen

Die folgenden Geschichte stammt von meiner Uroma. Sie hieß Rösel Hener, ihr Mädchenname war Rhein und sie lebte von 1916 bis 1996. Als sie die Geschichte erzählte, war sie schon fast 80 Jahre alt. Auf dem Bild seht Ihr sie. Der kleine Knirps, der da so genüßlich in die Dampfnudel beißt, ist mein Papa, da war er  gerade 1 Jahr alt.

 "Als ich ein kleines Mädchen war, da lebten wir in der Neugasse 26 in einem kleinen Haus. Wenn Du die Neugasse hochgehst, dann ist das auf der rechten Straßenseite. 

Wir waren arm, aber es gab im Dorf auch noch Ärmere als uns, die noch weniger hatten.

Mein Vater hieß Daniel und arbeitete hier in der Emaillierfabrik und abends bei den Winzern im Feld als Tagelöhner. Meine Mutter hieß Bärbel und war eine guteFrau. Sie hatte außer mir noch 4 andere Kinder: drei Buben, die hießen Heinrich, Karl und Alois und ein Mädchen, mein Schwester Anna. Anna war 15 Jahre älter als ich und ich war mit Abstand die Jüngste von allen.

Hier seht ihr das Haus, in dem meine Uroma aufgewachsen ist. Es ist das Haus in der Neugasse mit der Nummer 26.

Vor dem Haus stehend seht Ihr meine Uroma: sie ist die erste von rechts, also das größte Mädchen. Wer die anderen Kinder sind, weiß man leider nicht. Oben schaut aus dem rechten Fenster Rösels Onkel Alois heraus und aus dem linken Fenster ihre Schwester Anna. Das Haus gibt es heute noch! Die Aufnahme ist in der selben Zeit entstanden, wie die Aufnahme vom Brunnen in der Neugasse (siehe unten).



"In unserem Haus wohnte damals noch mein Onkel Alois, ein Bruder meiner Mutter. Außerdem hatten wir Ziegen, ein Schwein, einen Hammel, Hasen, Hühner und eine männliche Gans (also einen Ganter), der hieß Jakob. 

Ich war das jüngste Kind und mußte  viel im Haushalt mithelfen, denn unsere Mutter ging noch nebenher ins Feld, um bei den Winzern zu arbeiten.

Wir hatten eigentlich immer zu Essen. Es war nur eben nicht so reichhaltig wie heute und es gab, wenn, nur sonntags Fleisch. Meist gab es mittags Kartoffeln und abends Kartoffeln oder Suppe.

Früher gab es auch nicht jede Woche Kuchen, wie vielleicht heute. Bei uns gab es Kuchen meist an Festtagen, wenn meine Mutter am 16. August Geburtstag hatte, oder wenn Kerwe in Maikammer war, also im Juli. Im Herbst gab es ganz selten Quetschekuche mit Grumbeersupp. Die Kuchen waren fast immer aus Hefeteig und meistens Blechkuchen, also mit Obst belegt. Rührkuchen gab es höchstens mal an Ostern. Da so eine große Familie an den Kuchen auch satt werden sollte, waren die Kuchen sehr groß. Wir hatten große runde Bleche, wie man sie heute fast nicht mehr findet. Da das Kuchenbacken früher in den mit Holz befeuerten Herden sehr mühsam war und viel Brennmaterial kostete, trug man die Kuchen einfacher Weise zum Bäcker."

Auf so einem Herd wie links zu sehen ist, wurde früher gekocht, kleine Kuchen gebacken, Wasser erhitzt, das Bügeleisen heiß gemacht, die Wäsche gekocht und das Wasser zum Baden bereitet. Im Winter, wenn es früh dunkel wurde, machte man das Ofentürchen auf und hatte so zusätzlich Licht. Die Buben setzten sich dann vor das Feuerloch und "brockelten" Reben, das heißt: sie zerkleinerten Holz und befeuerten damit den Herd.


Hier auf dem Bild sieht man, wie groß die Kuchen früher waren. Die Bleche, die meine Uroma vor fast hundert Jahren zum Bäcker trug, die hat mein Papa heute noch und backt darin wie früher. Nur tragen wir sie nicht mehr zum Bäcker.

 

 

 

 

"Die Kuchen, die bei uns gebacken wurden, wurden zum Bäcker Thirolf in die Hintergasse getragen. Und da ich die Kleinste war, mußte ich das besorgen.

Meine Mutter hatte wenig Zeit und wenn sie Blechkuchen machte, dann drückte sie nie einen Rand an den Kuchen. Vielleicht war es auch, weil sie ursprünglich aus dem Saarland kam und da kennt man die Obstkuchen nämlich nur ohne Rand.

Aber ich war immer traurig, wenn ich beim Thirolfe Bäcker die ganzen schönen Kuchen sah, die einen so schönen Rand hatten und ein bißchen schämte ich mich auch dafür, daß meine nicht so schön aussahen.

Das ging so ein paar Male, bis ich mich entschied, das zu ändern."

 

Auf dem Bild sieht man den Brunnen in der Neugasse. Das Foto ist etwa zu der Zeit aufgenommen, als meine Uroma Rösel ein Kind war.

 

"Wenn ich zum Thirolfe Bäcker meine Kuchen trug, kam ich immer an dem Brunnen  in der Neugasse vorbei. Er hatte einen großen steinernen Brunnentrog und der Trog hatte einen breiten Rand. Meist mußte ich zwei Bleche tragen und die stellte ich dann auf den Rand des Brunnentroges. Jetzt drückte ich an jeden Kuchen einen Teigrand, fein säuberlich und freute mich, daß es unsere Mutter nicht gesehen hatte. Und ich kann mich daran erinnern, wie ich die Kuchen beim Bäcker abgab und stolz darauf war, daß sie einen ebenso schönen Rand hatten, wie die anderen Kuchen, die dort standen.


Links seht Ihr das Geschäft von Jean Thirolf. Hier gab es Lebensmittel und Thirolf hatte eine Bäckerei. Heute ist hier die Bäckereifiliale von Hofmann ansässig und die Postagentur.


 

 

 

"Das ging so einige Zeit gut, bis ich auf die Idee kam, auch an den Riwwelkuche (Streuselkuchen) einen Rand zu drücken.

Als ich den fertig gebackenen Riwwelkuche wieder abholte und daheim auf den Küchentisch stellte, da tobte meine Mutter, der das ganze "Randdrücken" vorher gar nicht aufgefallen war: das wäre nicht ihr Kuchen, der Bäcker habe ihn verwechselt und schließlich und zuletzt: "Wer drickt dann schun en Rand an de Riwwelkuche?!" Da stand ich also, ganz kleinlaut und hörte mir die Schelte meiner Mutter an, die kurz davor war, zum Thirolfe Bäcker zu gehen und ihm gehörig den Marsch zu blasen. Und als sie schon fast am Gehen war, den Kuchen in der Hand, da gab ich zu, daß ich es war, die den Rand gedrückt hatte. - - 

Zuerst war das Donnerwetter groß und ich bekam Schelte. Aber schließlich hat sich meine Mutter mit mir ausgesöhnt und wenn ich beim Kuchenbacken dabei war, durfte ich immer einen Rand drücken. Nur eigenhändig und am Brunnen, da durfte ich nie mehr tätig werden!"