Die Immaculata an der Kurpfalz-apotheke

Text: Matthias Dreyer, Gerd Mack.

Bilder: Privatarchiv Gerd Mack, Archiv Club Sellemols,

Privatarchiv Markus Hener

 

https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-272345

Die Madonnenstatue an der Fassade der Kurpfalz-Apotheke im Kirchengarten wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen. Sie wird den aus St. Martin stammenden Steinmetzbrüdern Johann Jakob und Wendel Fischer zugewiesen. Die Immaculata steht ohne architektonische Rahmung frei vor der Hauswand des Obergeschosses in der Weinstraße Nord Nr.6.

 

Historische Ansicht des Anwesens Weintsraße Nord Nr. 6, etwa um 1920:

Aktuelles Bild der Immaculata 2018:

Die Figur ist die älteste Madonnenfigur in Maikammer und als Einzeldenkmal in der Denkmalliste des Landes Rheinland-Pfalz eingetragen (Generaldirektion Kulturelles Erbe RLP 2017). Die Figur zeugt von der besonderen Frömmigkeit des Bauherrn. Das begüterte Bürgertum beauftragte im Aufschwung des 18. Jahrhunderts ansässige Bildhauer, Häuser mit religiösem Kunstwerk zu schmücken (Weinmann 1975, Seite 86).

Die Figur aus der Zeit des Rokoko ist im Obergeschoß auf einer Fläche zwischen zwei Fenstern des Anwesens Weinstraße Nord Nr.6 angebracht. Auf einer Muschelkonsole ruht eine Weltkugel, auf der sich eine Schlange windet. Sie hat einen Apfel mit einem Zweig im Maul. Auf der Kugel steht in leichter S-Schwingung die anmutige Madonnengestalt (Immaculata). Sie trägt ein weißes Gewand mit einem in blau und gold gefassten Mantel. Die Figur ist in dem typischen empfindsamen Gesichtsausdruck der Zeit ausgearbeitet. Die Haartracht ist im Vergleich zu anderen Statuen der Zeit auffallend üppig, bis auf die Schultern fallend gewählt.

Um den nach rechts geneigten Kopf windet sich ein Kranz mit acht Sternen. Diese Sternenkranzdarstellung ist zwei Heiligen vorbehalten, der hier dargestellten Maria und St. Nepomuk. In der Regel wird der Sternenkranz mit 12 Sternen dargestellt. Die Anzahl der Sterne wird aus der in der Offenbarung des Johannes beschriebenen Frau abgeleitet und geht auf das Vorbild der Immaculata Conceptio zurück, die neben dem Sternenkranz auch das Symbol der Mondsichel beinhaltet. Die 12 Sterne werden auf die 12 Stämme Israels zurückgeführt. Die Hintergründe für die Darstellung von acht Sternen im Falle der Madonnenfigur in Maikammer konnte zwischenzeitlich auch geklärt werden. Dazu schreibt der Eigentümer des Anwesens: "Die Immaculata war bei Übernahme des Anwesens ohne jeglichen Sternenkranz. Der Restaurator Hilmar Brucker (Mutterstadt - Kirchenrestaurator) ergänzte die Madonna nach seinen Vorstellungen mit dem Kranz und den acht Sternen." Die Erneuerung fand im Jahre 1981 statt. Die Beweggründe des Restaurators für diese Art der Darstellung sind leider unbekannt. Wohl ebenfalls in den Jahren 1980-1981 restaurierte Hilmar Brucker auch Teile des Anwesens Marktstraße 5 "Haus zum grünen Eppig" sowie des Orgelgehäuses in der Alsterweiler Kapelle (Hürkey 1994, Seite 7).

In der linken Hand hielt die Marienfigur eine geschmiedete Lilie, ein Symbol für die Jungfräulichkeit oder auch für die Himmelskönigin. Die Lilie erscheint im 4.-5. Jahrhundert vor Christus als Würdezeichen des Hohepriesters und ab dem 8. Jahrhundert im europäischen Raum als Zeichen für die königlichen Insignien. So lag es nahe, das Herrschaftssymbol der Lilie auch auf Maria (Himmelsgöttin) zu übertragen. Die Lilie wird in dieser Form auch als Lilienzepter angesprochen. Die Lilie ist noch vorhanden. Sie konnte aber aufgrund es Zustandes der Statue (die linke Hand ist ausgebrochen) nicht mehr angebracht werden. Der rechte abgewinkelte Arm zieht sich vor dem Körper zum Herzen. Die Finger berühren das Gewand.

An der Seite der fast lebensgroßen Figur schwingt sich ein geschmiedeter Arm aus der Hauswand. Dieser hält eine von einem Kreuz gekrönte Laterne. Der Laternenarm ist ebenfalls schmuckvoll gestaltet. Er trägt eine stilisierte Blumenschale mit zwei Griffen und vier eingesetzten Blüten und Blättern. Im aufsteigenden Rahmen zur Laterne ist eine Weinranke mit Blättern eingearbeitet. Der Laternenträger ist aus Schmiedeeisen gefertigt. Das Laternenlicht selbst dient einem alten Brauch. Am Samstag, dem letzten Tag der Woche, der zugleich der Gottesmutter geweiht ist, wird ein Licht entzündet. Der traditionsreiche Brauch wird bis heute fortgesetzt. Jeden Samstag brennt bei der Immaculata-Figur das Licht der Laterne bis in die Nacht hinein. Früher war es ein Öllicht. Heute ist es eine elektrische Glühbirne, die ihren Schein auf das restaurierte Mutter-Gottes-Bild wirft.

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Der Konsolstein trägt eine Inschrift. Es handelt sich um einen Text aus der Genesis, dem ersten der fünf Bücher Mose, Kapitel 3 Vers 15:

 

ICH W(i)L FE(i)NTSCHAFT SETZEN ZWISCHEN DEM SAMEN

UND DES WE(i)BE SAMEN S(i)E W(i)RT DER SCHLANGE DEN

KOBF ZERTRETTEN

 

"Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen

deinem Samen und ihrem Samen. Der selbe soll dir den Kopf zertreten."

 

Der Spruch stellt die erste Sünde und ihre verhängnisvollen Folgen dar. Die Schlange gilt als Sinnbild der Macht des Bösen und für die Hinterhältigkeit. Heute wird in den üblichen Bibelübersetzungen das Wort Samen mit Nachwuchs (Kind) übertragen.

In Genesis wird das Kind (der Samen) der Frau der Schlange den Kopf zertreten, hier ist es Maria selber (was wohl in der Volksfrömmigkeit so verkürzt dargestellt wurde).

 

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Die Frage nach dem "fehlenden Jesuskind" geht von einem Missverständnis der Immaculata aus. Es geht in der Darstellung nicht um eine unbefleckte Empfängnis des Gotteskindes (Jesus), sondern um die Geburt Marias selbst. Sie bringt erst aufgrund ihrer Unbeflecktheit die Voraussetzung mit, einen Gottessohn zu gebären. Die Glaubenslehre, Maria sei vom ersten Augenblick ihres Lebens an von aller Erbschuld frei, entstand im Lauf der Jahrhunderte. Diese Auffassung wird in der Heiligen Schrift nicht ausgesprochen. Allerdings wurden einige Aussagen der Bibel schon früh in diesem Sinn verstanden. Maria sei demnach das Reinste und das Geschöpf Gottes. Sie sei die "neue Eva", die ohne Sünde blieb und so zur „Mutter aller Lebenden“ werden konnte. Das ändere auch nichts an den Vorstellungen, daß Maria auf natürlichem Weg als Kind ihrer Eltern geboren worden sei und Maria alle Gnade durch Jesus Christus, durch seinen Kreuzestod, empfangen habe.

Die typische künstlerische Darstellung der Maria Immaculata zeigt die Gottesmutter stehend, ohne Kind (Jesus). Sie leitet sich von der Maria im Ährenkleid ab, die ab 1387 zu Mailand verehrt wurde. Ihre künstlerische Hochform entwickelt sich im spanischen Barock. Von dort verbreitet sich die Darstellung über Europa. Die Verbreitung der Immaculatae wird ab den Jahren um 1700 aus dem reformatorischen Denken heraus Gegenpol zur Lasterhaftigkeit im Barockzeitalter gesehen. Ihre Verbreitung wird vor allem in Gang gebracht, nachdem Clemens der XI. 1708 die Feier des Immaculata-Festes für die ganze Kirche angeordnet hat. Eine weitere Verstärkung erfährt diese Entwicklung durch die Bildung marianischer Kongregationen (kirchliche Vereinigungen), die als Frauen-Kongregationen in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden.

 

(Bildquelle: "Maria im Ährenkleid" Von Hinrik Funhof - The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=151124)

Die Immaculata lässt sich auf drei grundlegende Darstellungsformen zurückführen:

- Form der gefalteten Hände,

- Form der Lilie, mit der Lilie in der rechten Hand, wobei die linke Hand entweder dem Betenden entgegengestreckt wird oder in demütiger Geste vor die Brust gehalten wird,

- Form der entgegengestreckten Hände, beide Hände sind zum Betenden ausgestreckt.

Die Marienstatue an der Fassade des Anwesens in der Weinstraße Nord Nr.6 lässt sich der zweiten Kategorie zuordnen. Merkwürdigerweise sind aber die Zuordnung der Lilie und Haltung der Hand zur Brust getauscht. D.h. gegenüber der üblichen Darstellung (siehe dazu: Statue der Immaculata in Hainfeld) hält diese Immaculata die Lilie in der linken Hand (damit hält sie auch den Mantel) und beugt die rechte Hand zur Brust. Allerdings gibt es für diese Darstellungsform auch andere Beispiele, wie z.B. in der Kirche St. Martin in Ober-Olm. In Alsterweiler gibt es eine Marienfigur, die dem Typus drei - entgegengestreckte Hände - entspricht. Sie steht in der Alsterweilerer Kapelle.

Die Schlange wird mit einem Apfel im Maul dargestellt. In Maikammer hängt am Apfel gut erkennbar zusätzlich ein Zweig mit einem Blatt. Im Christentum ist der Apfel eine unheilbringende Frucht im Paradies. Er ist das Symbol der Sünde und damit Attribut der Stammmutter Eva. In der Hand Marias der "neuen Eva" stellt der Apfel aus dem Paradies die Überwindung der Sünden und die Erlösung dar.

Als Künstler werden Johann Jakob und Wendel Fischer angegeben. Das Ortsfamilienbuch von Sankt Martin führt einen Wendel Fischer (1719-etwa 1795) an, der als Bildhauer belegt ist. Wendel Fischer ist auch der Bildhauer der Figur "Madonna am Burgweg" in Sankt Martin. An seinem Haus in der Tanzstraße Nr.20 in Sankt Martin ist im Schlußstein des Torbogens das Symbol des Bildhauers (Steinmetzeisen) und sein Namenskürzel (WF 1756) eingeschlagen. Insofern dürfte diese Zuweisung eindeutig sein.

Wendel Fischers Bruder, Jakob Wendel (1727-1802), ist dagegen bisher nicht als Bildhauer belegt. Sein Beruf war Metzgermeister. Dies lässt die Frage nach seinem künstlerischen Beitrag an der Statue aufkommen. Den Namen Johann Jakob Fischer (1690-etwa 1737) führte aber auch ein Onkel von Wendel Fischer. Dieser Onkel kann jedoch aufgrund der Entstehungszeit der Figur kaum in Frage kommen. Es sei denn, die Entstehungszeit würde vor 1737 liegen. Dann würde sich aber die Annahme, es handele sich um ein Brüderpaar, das die Madonnenfigur geschaffen hat, erübrigen. Insofern kann der Bruder Jakob Wendel als zweiter Künstler angesehen werden, wenn auch ein urkundlicher Nachweis seiner Tätigkeit als Bildhauer bisher fehlte.

Der Familienname Fischer taucht in St. Martin erstmals um das Jahr 1650 auf. In Maikammer gibt es bereits im Jahre 1576 Nachweise zu diesem Namen (Wolff Fischer, Dorfmeister und Schöffe)(Schäfer/Stöckl 2015, Seite 256).

An der Madonnenfigur in Maikammer lassen sich die klassischen Attribute der Immaculata gut ablesen. Als Heiligenattribute der Immaculata gelten:

- eine Schlange, deren Kopf sie zertritt. Die Schlange ist ein biblisches Symbol für die Sünde (Genesis 3,15 und Offenbarung des Johannes 12), sie hat einen Apfel im Maul,

- die Weltkugel, die Maria als Siegerin über alle weltliche Sünde einsetzt. In vielen Darstellungen windet sich die Schlange um die Weltkugel,

- der Sternenkranz um das Haupt und die Mondsichel unter ihren Füßen (Offenbarung 12) als apokalyptisches Zeichen (Mondsichel fehlt in Maikammer).

Die römisch-katholische Kirche begeht am 8. Dezember, neun Monate vor dem Fest der Geburt Mariens (8. September), das Hochfest der Empfängnis Mariens. Die vollständige Bezeichnung des Festes lautet: "Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria".

Der deutsche Festkalender spricht auch von "Mariä Erwählung". Das Hochfest hat seinen Ursprung im 8. und 9. Jahrhundert. Im Jahre 1708 wird die Feier dieses Festes für die ganze katholische Kirche vorgeschrieben. Das Fest ging aus dem ursprünglichen Fest Mariä Empfängnis hervor, das auch von der anglikanischen Kirche gefeiert wird. Die orthodoxen Kirchen feiern Mariä Empfängnis am 9. Dezember.

Die liturgische Feier der Empfängnis Mariä kam im 9. Jahrhundert von Konstantinopel nach Süditalien und Sizilien. Durchgesetzt hat sich das Fest über England, wo es der Heilige Anselm von Canterbury einführte. Im Jahre 1476 hat es der Franziskanerpapst Sixtus IV. übernommen. Am 8. Dezember 1854 hat Pius IX. die Lehre von der "Unbefleckten Empfängnis Mariä" als Glaubenssatz erklärt.

Zum Flurnamen:

 

"Im Kirchengarten":

An dieser Stelle befand sich der Friedhof und das alte Rathaus. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts waren hier zwei Zeilen Wingert. Um 1740 wurden die Rebstöcke auf bischöflichen Befehl ausgerissen (Leonhardt 1928).

Um 1619 war der Kirchgarten "Freygarten" des Winzinger Mönchhofs. Die Wiesen wurden durch den dortigen Kirchbach bewässert (Ziegler 1975).

Der Kirchhof erstreckte sich von der heutigen Kreuzung Schulstraße/Weinstraße Nord über die Schulstraße und die Kirchgasse bis zum ehemaligen Rathaus, das sich bis 1756 vor dem heutigen Kirchturm befand.(Quelle: Geschichte von Maikammer-Alsterweiler, Johannes Leonhardt, 1928)

 

An der Kreuzung Schulstraße/Weinstraße Nord wurde bei Straßenbauarbeiten im Jahr 2000 eine Grube mit menschlichen Knochen freigelegt, die beim Bau des dortigen Anwesens im ausgehenden 19. Jahrhundert sicherlich freigelegt und wieder bestattet wurden. (Quelle:Max Lothar Schmitt)